7. Tag: Donnerstag, 6. August 2009

Beechey Island (Kanada), auf Reede

  

Kein Sonnenuntergang

  

Auch Rémy und ich betreten heute zum ersten mal kanadischen Boden. Sehr historischen Boden. Vor rund 160 Jahren, auf der Suche nach der legendären Nordwestpassage überwinterten die beiden Schiffe HMS Terror und HMS Erebus mit ihren 129 Besatzungsmitgliedern unter der Leitung von Sir John Franklin hier. Und keiner kehrte zurück. Etliche Suchexpeditionen überwinterten ebenfalls hier und wir betrachteten die Ueberreste dieser Aktivitäten in Form von leeren Konservendosen, rostigen Fassreifen und kleinen Monumenten. Unser Kapitän hielt eine Ansprache zu Ehren der Franklin Expedition und hinterlegte in einer Stahlröhre eine Liste mit unseren Namen. Alle machen das, die hier vorbeikommen, aber es kommen scheinbar wenige, denn so viele Röhren hatte es nicht.

Das Wetter war neblig und es nieselte leicht, die Stimmung war perfekt. Und ob man wollte oder nicht, jeder war ergriffen. Um uns wieder auf Kurs zu bringen, wurde jedem ein Whiskey ausgeschenkt und wir tranken auf das Wohl aller dort Gewesenen und auf uns.

Anschliessend wanderte die Rotjackenfraktion in Einerkolonne zu den etwa zwei Kilometer entfernten Gräbern von drei Mitgliedern der Franklin Expedition. Diese waren während der Ueberwinterung 1845/1846 gestorben und fanden hier ihre letzte Ruhe. Sie wurden aber etliche Male schon wieder aus- und wieder eingegraben, da man die Todesursache wissen wollte. Man vermutet eine Bleivergiftung aufgrund der schlecht verlöteten Konservendosen.

Da wir unsere Dreierbande zu diesem Landausflug mitgenommen hatten und das Mammut sich nun etwas störrisch zeigte, verzichtete ich auf diese Wanderung über Geröllfelder. Und das in Gummistiefeln, da wir ja eine nasse Anlandung hatten. Stattdessen fuhr ich mit dem restlichen Whiskey und Herr Neumann zurück zum Mutterschiff. Von dort aus betrachtete ich mit grosser Heiterkeit den roten Tatzelwurm, der sich nun schon sehr in die Länge gezogen hatte.

Um 12.00 Uhr hiess es Landgangsende und das letzte Zodiac kam zurück. Während des Mittagessens nahmen wir unsere Fahrt wieder auf und  unser Kapitän zeigte sich einmal mehr sehr flexibel.

Nach dem Studium der neuesten Eiskarten fuhr er uns noch tiefer in das Gebiet der Nordwest-passage hinein. Und so gegen 15.00 Uhr waren wir im Packeis. Das Wetter war unterdessen sonnig, aber durchzogen von Nebelschwaden. Die Stimmung war unglaublich geheimnisvoll, verstärkt durch das Knirschen,  wenn die Bremen wieder mal eine Eisscholle zu Bruch fuhr. Und in diesem mystischen Ambiente dachte ich, ich spinne. Rémy hatte plötzlich einen Heiligenschein! Aber es war nur ein Halo, wie mir erklärt wurde. Ich könnte jetzt einen endlosen Exkurs über die Halos (Singular: der Halo) schreiben, aber grob zusammengefasst: Der Halo ist ein Sammelbegriff für Lichteffekte der atmosphärischen Optik, die durch Reflexion und Brechung von Licht an Eiskristallen entsteht. Für weitere Auskünfte steht Wikipedia gerne zur Verfügung. Im Moment fand ich einfach alles nur mega. Die einzigen, die an diesem unvergesslichen Nachmittag fehlten, waren Robben und Eisbären. Die hatten wohl wieder mal ihren lazy day und überliessen es den Seevögeln, uns zu beglücken.

Der Abschluss dieses sehr intensiven Tages war Helges klassischer Klavierabend "Von Herzen - möge es wieder zu Herzen gehen". Helge war unser Pianist, der uns zur Happy hour und nach dem Abendessen musikalisch begleitete. Zugegeben, nicht ganz nach meinem Geschmack. Aber das ist nicht weiter verwunderlich, komme ich doch eher von der Hardrock-Front. Nach dem Konzert luden wir ihn auf einen Drink an die Bar ein. Helge sieht ungefähr aus wie 18, ist aber schon etwa 10 Jahre älter. Er war auch immer sehr zuvorkommend und extrem höflich, der Traum einer jeden Schwiegermutter. So beglückwünschten wir, die üblichen Sitzengebliebenen an der Bar, ihn zu seinem Konzert und ich bekam ein Autogramm mit Widmung. Als Dank für den Drink wollte er uns noch ein Lied spielen und fragte, was wir denn so wollen. Nach kurzer Beratung einigte sich die Barrunde, inklusive Barman Erik, auf den Titel "Highway To Hell" von AC/DC. Leider wusste Helge nicht mal wer AC/DC ist und der Titel erschreckte ihn eher. Wir fanden aber in diesem Moment, nach unseren etlichen schon gehabten Drinks, dass das Lied sehr passend zu dieser Reise ist. Wenigstens was die kanadische Arktis betrifft. Scheinbar haben wir aber Eindruck auf Helge gemacht. An einem der folgenden Abende wuchs er über sich hinaus und spielte "My Heart Will Go On", den Titelsong aus dem Film Titanic. Und die soff ja bekanntlich ab.

  

Kleidervorschlag für den Abend: Gepflegte Freizeitkleidung