8.Tag: Freitag, 7. August 2009

Lancaster Sound (Kanada), auf See

 

Kein Sonnenuntergang

 

Wer zu spät aufsteht, wird mit Nebel bestraft. Aber ich weiss eigentlich gar nicht mehr, ob ich früh aufstehe und spät ins Bett gehe, spät aufstehe und früh ins Bett gehe. Oder was auch immer. Seit wir auf der MS Bremen sind ist es einfach hell. Und seit einigen Tagen haben wir auch keinen Sonnenuntergang mehr. Jetzt hat die Gegend Licht im Ueberfluss um dann später wieder in der Dunkelheit zu versinken. Seit ich an Bord bin trage ich eine Uhr, weil ich keine Ahnung habe, welche Uhrzeit es ist. Die Kabinen sind mit Vorhängen ausgerüstet, die absolut kein Licht durchlassen. Und obwohl ich weiss, dass es immer hell ist und nun die Sonne, wenn sie sich zeigen lässt, Tag und Nacht scheint, bin ich doch jedes mal wieder verblüfft. Ich kann es nämlich nicht lassen, nach meinem nächtlichen Toilettenbesuch etwas aus dem Fenster zu schauen. Sobald ich den Vorhang nur ein bisschen zur Seite schiebe, ist es in der Kabine taghell und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Reflexartig schaue ich dann jeweils auf die Uhr, obwohl ich weiss, dass es aufgrund meiner etwas verlangsamten Hirntätigkeit Nacht sein muss.

Auch wie die Blümchen und Pflanzen diese extremen Unterschiede, Hell-Dunkel, Temperatur, Sonne-Kälte, Winterstürme usw. managen, ist bewundernswert. Die Flora ist ja ähnlich wie die in unseren Alpen. Allerdings dauert es wegen der kurzen Vegetationszeit bei den Blümchen 2 Jahre bis sie fertig sind. Im ersten Jahr macht eine Blume mal das Grün und im zweiten Jahr wird dann zackig die Blüte nachgeliefert. Und alles was wächst, drückt sich so nah wie möglich an den Boden. Bäume haben wir seit Hannover keine mehr gesehen. Es gibt hier eine Art Weiden, allerdings wachsen die in die Breite und nicht in die Höhe. Und für einen Zweig von 50 cm Länge braucht es 50 Jahre Wachstum.

Ich bewundere alles, was hier oben lebt oder überlebt. Pflanzen, Tiere, Menschen. Und ganz ehrlich, ich würde mich eher erschiessen lassen, als hierher umgesiedelt zu werden. Und der übliche Spruch "die kennen ja nichts anderes", ist nicht mehr so ganz zeitgemäss. Längst hat Internet und  Satellitenfernsehen Einzug gehalten. Und zum Studium gehen viele Grönländer nach Dänemark. Und ob sie dann gerne wieder zurückkehren, weiss ich nicht.

Aber noch sind wir ja in Kanada. Gemäss Programm wollen wir, während wir  Richtung Ellesmere Island fahren, den heutigen Seetag nutzen, um nach weiteren Walen, Eisbären etc. Ausschau zu halten. Die hatten heute aber wieder mal allesamt frei. Es ist wie immer. Egal wo ich bin, die Tiere sind weg. Die Ausbeute bis heute ist wirklich dürftig. 4 Buckelwale, 1 Potwal und 2 Eisbären. Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt. Und so halte ich Ausschau, bis mir fast die Augen aus dem Kopf fallen. Nichts. Allerdings waren die Bedingungen durch den Nebel eher suboptimal.

Ich stellte mir dann so vor, dass sich einen Meter hinter der Nebelwand Scharen von Walen und Eisbären tummelten und uns zum Narren hielten.

Scheinbar sind wir dann gegen 16.00 Uhr beim berühmten Vogelfelsen von Coburg Island vorbeigekommen. Tausende von Vögeln tummelten sich am Himmel und auch der Fels sei total ausgebucht gewesen. Dies entnehme ich dem Tagebuch unseres Lektors Dr. Arne Kertelhein. Wahrscheinlich machten Rémy und ich um diese Zeit gerade ein Nickerchen, um unsere, vom Ausschau haltenden, sehr ermüdeten Augen wieder etwas zu erholen.

Hätten wir den täglich stattfindenden Kaffee und Kuchentermin um 16.00 Uhr wahrgenommen, was wir übrigens nie taten (das Wort Hunger kannten wir schon lange nicht mehr), wären uns die Vögel natürlich nicht entgangen.

 

Kleidervorschlag für den Abend: Gepflegte Freizeitkleidung

 

 

9. Tag: Samstag, 8. August 2009

Grise Fjord (Kanada), auf Reede

 

Kein Sonnenuntergang

 

Eigentlich wäre heute ein weiterer Seetag auf dem Programm gewesen. Doch Kapitän Behrend fand, dass wir der nördlichsten Siedlung Kanadas, eben Grise Fjord, unbedingt einen Besuch abstatten müssen. Willig folgten wir ihm. Das Wetter war etwas neblig und leichter Regen fiel. Das passte. Immer wenn du meinst, schlimmer geht's nicht mehr, kommt von irgendwo ein Dörfchen her. Rein ästhetisch waren wir am Ende der Welt angekommen. Unerschrockene Passagiere, eigentlich fast alle, ausser Rémy und mir, liessen sich trotzdem ausbooten und erkundeten den Ort. Sie kamen aber relativ zügig wieder und berichteten über Müll und die Jugend von Grise Fjord. Deren Vergnügen bestand darin, lautstark und verwegen mit ihren Tundramobilen (so eine Art Quad's) und Motorrädern über eine Sandpiste von links nach rechts und umgekehrt zu brettern. Und endlich hatten sie mal Publikum, nämlich uns. Die anderen Bewohner, es sollen rund 200 sein, liessen sich aber von unserem Besuch nicht weiter stören. Es zeigte sich praktisch niemand. Hier zu wohnen muss gleich-gültig machen. Ich würde mich auf jeden stürzen, der hier vorbeikommt. Der Müll. Ja, der Müll scheint irgendwie ein ungelöstes Problem der Arktis zu sein. Egal ob in Kanada oder Grönland. Überall wo wir waren, der Müll war schon da. Ich rede jetzt nicht von den relativ geordneten open-air-Mülldeponien, die gut sichtbar an schönster Lage in jedem Ort waren. Ich rede jetzt vom Müll, der einfach vor jede Haustür geschmissen wird. Und ich rede von auslaufenden Autobatterien, Kühlschränken, Fahrrädern, ausgedienten Schneemobilen, von Haushaltmüll und dergleichen. Das alles liegt einfach vor, hinter und neben den Häusern und entlang der Strassen. Da tröstete mich Arnes Aussage " dass man nicht vergessen darf, dass die meiste Zeit des Jahres eine freundliche Schneedecke das Gerümpel bedeckt" nicht gerade. Ich habe mich bis jetzt nicht daran gewöhnt. Und ich denke, auch der Rest unserer Truppe nicht. In unserer Ratlosigkeit haben wir den Müll einfach in "Kulturgüter" umbenannt.

Aber Grise Fjord brachte uns auch eine Ueberraschung. Im Hafen lag nämlich ein kleines Segelschiffchen, die "Dagmar Aaen". Deren Eigner ist Arved Fuchs. Arved Fuchs ist so etwas wie der Reinhold Messner der Wasserexpeditionen, obwohl er bis 1991 ebenfalls sehr gut zu Fuss unterwegs war. 1989 lief er zusammen mit Reinhold Messner an den Südpol, nachdem er im selben Jahr mit einer anderen Expedition schon den Nordpol erreicht hatte. Damit ist Arved Fuchs der erste Mensch, der beide Pole innerhalb nur eines Jahres zu Fuss absolvierte. Ich glaube, Herr Messner verkraftete das nicht allzu gut, soviel ich weiss, reden die beiden Alpha-Tiere nicht mehr miteinander. Und seit 1991 lebt Arved Fuchs seine Ambitionen nun auf dem Wasser aus.

Per Zufall hatten Rémy und ich im Vorfeld unserer Reise einen Fernsehfilm mit Arved Fuchs gesehen. Es handelte sich, glaube ich, um die Shakleton 2000 Expedition. Sehr beeindruckend. Und nun stand Arved Fuchs leibhaftig vor uns im Bremen Club. Unser Kapitän hatte ihn und seine Mannschaft nämlich auf die Bremen eingeladen. Und völlig aus dem Stegreif erzählte uns Herr Fuchs, was er hier oben so treibt. Es war ein total spannender Vortrag, ich hätte ewig zuhören können. Als Gegenleistung durften Fuchs und seine Crew bei uns duschen und unser Mittagsbuffet leerräumen. Beides taten sie ausgiebig. Und ich meinte, bei unserem Kapitän eine leichte Sehnsucht zu verspüren, auch mal bei so einer Expedition mitzumachen. Unsere war ja mehr 4-Sterne-mässig unterwegs. Nach dem Mittagessen verliessen wir Grise Fjord und während unserer Fahrt nach Siorapaluk, welches wir morgen erreichen, klarte das Wetter auf und ich sah das erste mal Robben.

Siorapaluk liegt übrigens wieder in Grönland.

  

Kleidervorschlag für den Abend: Gepflegte Freizeitkleidung